ÜBER DIE SCHWELLE  I

 

 

Da ist so eine Sehnsucht, sagte er,

eine Sehnsucht nach der Schönheit,

nach dem immer heller werdenden Licht

und eine große Freude.

Alles von meinem früheren Leben erscheint mir hier

dunkel, liegt weit hinter mir.

 

Und er sah seine Mutter im Licht, lächelnd.

Wie schön und heiter sie war

im Kreise anderer, mit denen sie vertraut war,

und mit denen sie liebevoll umging.

Alle Grobheit und Verbitterung

waren von ihr abgefallen.

Komm, sagte sie.

Er war voller Staunen über alles, was er sah,

über alles, was sie ihm zeigte.

Eine Landschaft aus Licht

in allen Regenbogenfarben.

 

Ich denke an meine Frau, sagte er.

Ich sehe, dass sie manchmal weint.

Gern wäre ich mit ihr zusammen angekommen.

Wenn sie soweit ist, werde ich sie führen.

 

Sie lag mit geschlossenen Augen.

Sie fragte: Bin ich schon tot? und:

Jetzt muss ich wohl Abschied nehmen.

Ich bin so müde, sagte sie.

Ich wache, ich schlafe, ich wache.

Ich weiß gar nicht, was ich hier tue,

und wo ich bin.

 

Ich nahm Kontakt zu ihrer Seele auf

und sah, dass sie vor einer breiten Spalte

über einem Abgrund stand.

Ein weißer Engel war hinter ihr,

der Engel der Geduld.

Auf der anderen Seite des Abgrunds saß

in einiger Entfernung

ihr Mann ihr gegenüber,

die Arme ausgebreitet zum Zeichen,

dass er geduldig auf sie wartete

mit seiner ganzen Liebe.

Ein Engel stand auch hinter ihm.

Andere Lichtwesen waren bereit für ihre Ankunft,

doch waren sie noch nicht nah.

 

                                          © Ursula Sewing

 

 

 

 

Fortsetzung in: Über die Schwelle II