GESPRÄCH MIT DEM KATER TIGER NACH SEINEM TOD

 

 

 

Ich wollte mit dem Kater sprechen, den ich Tiger nannte.

Ich hatte ihn so lange nicht gesehen und machte mir Sorgen um ihn.

 

Hallo, lieber Kater, hier bin ich, wir kennen uns.

Ich möchte gerne wissen: Wo bist du? Und wie geht es dir?

 

Ich sah ihn irgendwo liegen. Er stand nicht auf, bewegte sich nicht. Dann ein Bild, als flöge seine Seele aus seinem Körper hinaus.

Da wusste ich, dass er tot war.

 

Ich hatte dich immer sehr gern, sagte ich. Aber du hast es nie so richtig geglaubt, warst immer wieder misstrauisch.

 

Du hast mich aber nie mit zu dir genommen. Ich war sehr enttäuscht darüber, entgegnete der Kater.

 

Das tut mir Leid, aber ich habe keine ebenerdige Wohnung, zu der ein Katzenzugang führen könnte. Da du immer gerne unterwegs warst, wäre es nicht gegangen.

 

Ja, vielleicht, sagte er.

Vielleicht auch nicht.

Habe mich sehr heimatlos gefühlt.

 

Das wollte ich nicht, sagte ich.

Dann erinnerte ich mich:

Ich weiß, wie du als kleiner Kater warst.

Du hast mich so sehr beeindruckt.

So selbstverständlich, mit so viel Vertrauen und Selbstvertrauen hast du die Menschen auf deine Weise um Futter gebeten. Du warst so ein besonderer kleiner Kater. Auch später, als du mit deiner ganz eigenen Katzensprache, mit diesem „Keck-keck-keck“ zu mir kamst, um mich ans Futter zu erinnern, oder wenn du deinen Kopf in meine Hand gestoßen hast, um mir deine Zuneigung oder deine Dankbarkeit zu zeigen, hatte ich immer eine starke Beziehung zu dir, weil du so ein Charisma hattest, so eine besondere Ausstrahlung.

 

Und doch hast du mich nicht aufgenommen, sagte er vorwurfsvoll.

 

Das ist wahr, bestätigte ich.

Es ist auch so, dass ich jetzt gerade erst lerne, etwas von Katzen zu verstehen, dadurch dass ich öfter die kleinen Katzen von Lilli, deiner Tochter, sehe. Ich glaube, ich wusste noch gar nicht, wie viel mir dadurch entgangen ist, dass ich noch nie eine Katze aufgenommen habe.

 

Lieber Kater Tiger, du hast soviel von deiner Kraft verloren.

Ich möchte dich noch einmal fragen: Wodurch wurde sie dir genommen? Hatte es mit dem Kampf zu tun, den du erlebt hast?

Du hast mir schon einmal davon erzählt, aber vielleicht kannst du es mir noch etwas näher bringen.

 

Ja, jetzt kann ich das, erwiderte Tiger. Ich will es dir erzählen:

Ein Überfall auf mich war es, ein Kampf, bei dem ich unterlegen bin.

Verletzt und gedemütigt lag ich in dem Feld, und es dauerte lange, bis ich mich erheben, noch länger, bis ich wieder nach Hause gehen konnte. Nach Hause, - das heißt: ins Stroh bei den Pferden.

Dort war es warm und meistens sicher, und dennoch hatte ich keinen Menschen, der für mich ganz da war. Das wäre schön gewesen.

Ja, du hast Recht, ich war seitdem verängstigt und traute niemandem mehr, und vor allem war mein Mangel an Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein das, worunter ich am meisten litt.

Mein „Charisma“, wie du es nennst, war dahin. Ich weiß das.

Mein ganzes Lebensgefühl hatte sich verändert. Bis dahin hatte ich in allen Situationen, trotz aller Querelen, ein gesundes Vertrauen in das Leben und Vertrauen auf irgend eine Hilfe, die kommen würde.

Doch dann war es plötzlich weg, wie weggeblasen, als wäre es mir gestohlen worden.

Es war, als hätte das Leben mir nichts mehr zu bieten, als hätte ich nichts Schönes mehr zu erwarten.

 

Lieber Tiger, sagte ich sanft, ich streichle dich in Gedanken, in der Hoffnung, dass du durch dieses Gedankenstreicheln keine Schmerzen hast und nicht zurückzuckst.

Ich umarme dich und wiege dich, dass du deine inneren und äußeren Verletzungen vergessen kannst.

Ich habe dich sehr gern, du tapferer, weiser Kater.

 

Du hast mit mir geredet, sagte er. Das war schön.

Du hast mich wahrgenommen, das tut mir gut.

Ich wünsche dir noch ein langes Leben mit vielen schönen Katzenerlebnissen.

Und vielleicht nimmst du doch einmal eine Katze bei dir auf, die dich beeindruckt.

Alles Schöne dieser Welt!

 

Danke, mein lieber Kater, ich wünsche dir, dass du da, wo du jetzt bist, eine Heimat hast, wo du willkommen und geborgen bist.

Ich denke an dich.

 

Keck-keck.

 

Danke.

  

 

                                                      © Ursula Sewing